Das Fräulein von der Altenburg

oder

die gefundene Episode bei der Suche nach den Staufern

Auf der Altenburg am Römerkastell, wo ich als Kind aufwuchs und im Sandkasten nach den römischen Münzen grub – meist ohne nennenswerten archäologischen Durchbruch –, abends zum Friedhof hinübersah und mit einem leisen Schauer nach Gespenstern Ausschau hielt, nahm meine Geschichte ihren Anfang.

Die Ruine der Burg Altenburg war eine mittelalterliche Befestigungsanlage in Stuttgart-Bad Cannstatt und galt als einer der geschichtsträchtigsten Orte am mittleren Neckar. Sie lag am linken Ufer des Flusses, auf der höchsten Stelle der Altenburger Steige. Noch heute erinnern die Namen „Auf der Altenburg“ und „Altenburgschule“ an sie – stille, aber bemerkenswert beständige Zeugen ihrer einstigen Bedeutung.

Als eine der ältesten Burgen im Stadtgebiet gilt die Altenburg als Keimzelle Stuttgarts. In unmittelbarer Nähe, beim Steigfriedhof, stand die älteste Kirche der Stadt: die Martinskirche, die sogenannte Urkirche. Sie verweist auf die Franken, denn der Heilige Martin war ihr Schutzpatron – und wo sich eine solche Kirche befand, war ein fränkischer Herzogssitz selten allzu fern.

Die Befestigungsanlage entstand vermutlich im 11. Jahrhundert und diente bereits damals als fränkischer Stützpunkt der nachrömisch-merowingischen Zeit. Errichtet wurde sie unter Verwendung von Baumaterialien aus den noch vorhandenen römischen Gebäuden in der Nähe des Römerkastells Cannstatt – eine Form der Wiederverwertung, die heute wohl als ausgesprochen vorausschauend gelten würde.

Archäologische Untersuchungen im Jahr 2016 bestätigten diese Annahmen. Neben mittelalterlichem und römischem Mauerwerk wurden auch Gräber fränkischer Krieger entdeckt, ausgestattet mit Grabbeigaben wie Schwertern – ein Zugang zur Geschichte, der deutlich weniger spielerisch war, als jene ersten Versuche im heimischen Sandkasten. Möglicherweise war die Altenburg auch Schauplatz des Blutgerichts von Cannstatt, bei dem der fränkische Machthaber Karlmann im Jahr 746 zahlreiche aufständische Alemannen nach einer Einladung zu Friedensgesprächen hinrichten ließ – ein düsteres Kapitel, das selbst die lebhafteste kindliche Vorstellungskraft merklich dämpfen dürfte.

Im Hochmittelalter wurde die Anlage umgebaut und vom Adelsgeschlecht der Fleiner von Altenburg bewohnt. Nach Otto von Alberti waren sie mit den Herren von Brie und von Berg verwandt, worauf sowohl die räumliche Nähe der Burgen als auch Ähnlichkeiten in den Wappen hindeuten. Einzelne Familienmitglieder werden im Hirsauer Codex erwähnt – gewissermaßen eine frühe Form strukturierter Erinnerung. So erscheinen ein Reinhard Fleiner und sein Bruder Conrad in einer Urkunde des Grafen Ulrich von Württemberg, und auch ein Berthold von Altenburg ist für das Jahr 1280 belegt. Im selben Jahr erwarb das Esslinger Spital Weinberge neben den Grundstücken dieser Ritter.

Im Jahr 1287 wurde die Altenburg – wie viele Burgen im Raum Stuttgart – durch Truppen des deutschen Königs Rudolf I. von Habsburg zerstört. Anlass war ein länger andauernder Konflikt mit Graf Eberhard dem Erlauchten um Gebiete der ausgestorbenen Staufer, die sich die Württemberger angeeignet hatten. Ob die Burg ausschließlich als repräsentativer Wohnsitz diente oder auch der Kontrolle wichtiger Verkehrswege, insbesondere der Altenburger Steige, lässt sich heute nicht mehr eindeutig klären – wie so oft bleibt auch hier ein kleiner Rest an Ungewissheit.

Nach der Zerstörung ihres Stammsitzes nannten sich die Fleiner von Altenburg „von Hohenscheid“. Zwischen 1302 und 1307 veräußerten die Brüder Reinhard, Albert und Markward ihre Güter in Brie an das Kloster Bebenhausen – ein Schritt, der wohl eher pragmatischen als nostalgischen Überlegungen folgte.

Graf Eberhard I. begann um 1302 mit dem Bau einer Wasserburg in Stuttgart. Im Konflikt mit Kaiser Heinrich VII. verloren die Württemberger zunächst die Stadt, konnten sie jedoch nach dessen Tod zurückgewinnen – ein Verlauf, der in seiner Dynamik durchaus vertraut erscheint. Nachdem auch die Burg Württemberg 1311 zerstört worden war, ließ Eberhard Stuttgart ab 1317 zur gräflichen Residenz ausbauen.

Um 1320 wurden das Beutelsbacher Chorherrenstift und die Grablege der Württemberger mit päpstlicher Genehmigung nach Stuttgart verlegt. Die frühere Grablege bei der Altenburger Martinskirche verlor damit ihre Bedeutung, während die Stadtkirche zur Stiftskirche erweitert wurde. 1323 unterstellte der Bischof von Konstanz auch die Martinskirche dem Stuttgarter Heilig-Kreuz-Stift. Spätestens zu diesem Zeitpunkt verloren Cannstatt und die Altenburg zunehmend an Bedeutung – ein eher stiller, aber nachhaltiger Wandel.

In den folgenden Jahrhunderten wird noch eine Vogtei Altenburg erwähnt, ebenso einzelne Häuser eines Ortes Altenburg, der wohl eng mit der Burg verbunden war. Gegen Ende des 14. Jahrhunderts bestand offenbar nur noch das Pfarrhaus bei der Martinskirche. Dennoch sollen im 16. Jahrhundert noch Überreste der Burg sichtbar gewesen sein – ein Hinweis darauf, dass sich manche Dinge länger halten, als man zunächst annehmen würde.

So könnte die Ruine ausgesehen haben

Vom Auszug aus Bad Cannstatt nach Hochdorf an der Enz – wie die Fleiner von Altenburg zu den Herren von Hohenscheid wurden

Die Ruine der Burg Hohenscheid liegt südwestlich von Hochdorf an der Enz, einem Ortsteil der Gemeinde Eberdingen. Die Anlage war etwa 60 Meter lang und 23 Meter breit. Bereits um 1271 werden die Herren von Hohenscheid im Zusammenhang mit der Burg erwähnt. Ein Zweig der Fleiner von Altenburg übernahm im 13. und 14. Jahrhundert diesen Namen, abgeleitet von der nahegelegenen Burg – eine Entscheidung, die aus heutiger Sicht durchaus naheliegend erscheint.

Die Burg und das zugehörige Gut waren zunächst vaihingisches, später württembergisches Lehen. Nach dem Aussterben der Familie von Hohenscheid verlieh Graf Eberhard von Württemberg im Jahr 1390 Burg und Dorf Hochdorf an die von Münchingen. Von der Burg selbst blieben danach nur noch geringe Reste erhalten – kein ungewöhnliches Schicksal für Anlagen dieser Art.

Bis zum Jahr 1709 blieb Hochdorf im Besitz der von Münchingen, ehe es an die Freiherren von Tessin verkauft wurde. Philipp Heinrich Freiherr von Tessin ließ kurz darauf, im Jahr 1710, ein Schloss errichten – offenbar mit Blick auf veränderte Ansprüche an Wohnkomfort. Mit der Mediatisierung 1806 fiel der ritterschaftliche Ort unter württembergische Landeshoheit und wurde 1809 dem Oberamt Vaihingen zugeteilt.

Und so fand auch meine eigene/unsere Geschichte – weit bescheidener, aber kaum weniger verschlungen – ihren Weg von der Altenburg über den Keltenfürsten von Asperg zur bis an den Ort an dem wir heute sind, am Fuß der ehemaligen Burg der Herren von Hohenscheid.

Manchmal glaube ich, Geschichte sucht sich ihre Zeugen selbst. Ich suchte die Römer, ich suchte die Ritter, ohne damals zu wissen, wer sie wirklich waren. Heute weiß ich: Die Altenburg war nicht nur eine Burg. Sie war ein Knotenpunkt. Römer, Franken, Staufer, Württemberger – alle haben hier ihre Spuren hinterlassen. Machtwechsel, Verrat, Zerstörung. Und immer wieder Neubeginn. Wenn ich heute dort stehe, sehe Schichten unter Asphalt liegend, unter Erde, unter Steinen. Unter diesen Steinen liegt Geschichte. Und irgendwo darunter – vielleicht – ein Schwert noch im Dunkeln.😉